Ein Klangfest auf Schloss Herrenhauses: Zwei Religionskurse der Bismarckschule feiern ein Konzert mit Perlen synagogaler Musik

10. Januar 2018 Ein Klangfest auf Schloss Herrenhauses:  Zwei Religionskurse der Bismarckschule feiern ein Konzert mit Perlen synagogaler Musik

 

Hannover, 15.12.2017

So eine großzügige Einladung empfängst du höchstens alle Jubeljahre einmal: Unter dem Titel „Das Lichterfest auf Schloss Herrenhausen“ würden wir, wenn wir denn wollten, als Gäste der Villa Seligmann, dem Haus für jüdische Musik in Hannover, am 15. Dezember „Weihnukka“ feiern! Zwei Religionskurse der Bismarckschule (11. und 12. Jahrgang) zögerten nicht, sagten gern, spontan, erwartungsvoll zu.

Und was das Rätselwort „Weihnukka“ bedeutet, erfuhren wir noch im November vom Gastgeber selbst, von Professor Andor Iszák, Leiter des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik, der uns nicht bis Mitte Dezember mit der Klärung des Rätsels warten ließ, sondern seine späteren Gäste sogar höchstselbst aufsuchte, um mit uns auf der Bismärcker Aula-Bühne Face to Face unnachahmlich einladend zu musizieren, zu singen und kurzweilig humorvoll von den Wendepunkten der eigenen Lebensgeschichte zu erzählen: Vom Wunder des Überlebens im Budapester Ghetto, wo er 1944 geboren wurde und ein Granateneinschlag den Säugling im Kinderwagen unter einem Steinhaufen begräbt und schwer verletzt. Hineingeboren in eine fromme jüdische Familie wächst er zunächst in Ungarn auf, kommt dann 1988 nach Deutschland, nachdem er lange schon die Musik zum „Leitstern und zur Konstante seines Lebens“ gewählt hat.

Und Prof. Iszák erzählt vom jüdischen Leben in Europa zwischen den beiden Weltkriegen: Etwa davon, dass jüdische Kinder immer neidisch waren auf christliche Kids, die Geschenke zu Weihnachten bekamen. So haben sie das Ereignis „Weihnukka“ erfunden. Da in Deutschland seinerzeit viele Mischehen existierten, berührten sich beide Lichterfeste (Weihnachten und Chanukka) schon von Haus aus intensiv. Das Fest steht bis heute als Symbol für eine Zeit vor der Shoa, verkörpert sinnbildlich das freudige Miteinander der Gläubigen, macht das kreative Zusammenspiel von Religion und Gesellschaft sichtbar, gilt als Ausdruck der Zugehörigkeit zum deutschen Bürgertum sowie zur christlichen Mehrheitskultur.

Und dann ist es so weit, dieses starke Zeichen der Assimilation als künstlerisches Ereignis, als echtes musikalisches Highlight zu erleben. Im edlen würdigen Ambiente des Herrenhäuser Schlosses empfängt uns Prof. Iszák im hellen Tagungssaal überaus herzlich, stellt uns (und den u.a. aus Seesen angereisten Schülern und Lehrkräften) vier junge Künstler vor, die sogleich beginnen, höchst professionell und kraftvoll wie ein großer Chor Musik der Synagoge zu singen: Psalmen zunächst, Gesänge entlang der Ordnung jüdischer Liturgie. Lange verschollene Werke Louis Lewandowskis, meist von Prof. Iszák am Flügel begleitet oder a cappella vorgetragen, beeindrucken durch ihre spirituelle Kraft und wirken überhaupt nicht fremdartig; da der Komponist an der klassischen europäischen Musiktradition anknüpft.

Ein ganz besonderer Moment bewegt das hauptsächlich jugendliche Publikum, als Prof. Iszáks Ehefrau, die gefeierte Pianistin Erika Lux, zwei Stücke auf dem Flügel interpretiert: von Boris Moskowski und Louis Lewandowski, der zu Recht den Beinamen „Mendelsohn der Synagogalmusik“ trägt. Frau Prof. Lux, die in den letzten Jahren in Archiven gezielt nach Werken jüdischer Komponisten geforscht und sie zur Aufführung gebracht hat, verwandelt die auf schwarzweißem spröden Notenmaterial fixierten Kompositionen in hinreißend bezaubernde Klangbilder: eine überraschende, berauschende Vielfalt von Rhythmen ertönt, witzig, spritzig wirkend, bald auch festlich, feierlich und dabei ein Feuerwerk schöpferischer Einfälle zündend, die sich insgesamt in ein farbig harmonisches Gesamtbild fügen. Minutenlanger Applaus, der kaum abebbt, flutet den Saal, erst als unser charmanter Gastgeber den abschließende Gesang ankündigt, den Kiddusch, der das Ende der Liturgie markiert, beruhigen sich die Zuhörer. Die heiligen Worte über den Wein, die den Schabbat einläuten, Segensworte, die das gemeinsame Essen ansagen – in Gesang verwandelt klingen sie jetzt ausgesprochen jazzig, als stammte das Werk aus der Feder Kurt Weils.

Wieder brandet Applaus, der allen beteiligten Künstlern dieser „Generalprobe eines Weihnukka-Konzerts“ die Dankbarkeit und Freude des Publikums bestätigt. Bis Prof. Iszák Notenblätter verteilen lässt und alle Anwesenden aufruft, gemeinsam zu improvisieren und ein Lied in hebräischer Sprache („Maos Zur“, Schirm und Schutz) zu singen sowie als Hinüberführung zum Imbiss im Foyer das bekannte „Tochter Zion“.

Am Büfett treffen sich zuletzt lauter wache, reich beschenkte Menschen, plaudernd genießen sie das schmackhafte Mahl, freuen sich allesamt auf ein herrliches Wochenende und den dritten Advent. Ein schelmisch lächelnder Andor Iszák geht sehr zufrieden von Tisch zu Tisch, er verabschiedet seine Gäste aufmerksam, während diese auf eine weitere musikalische Begegnung dieser besonderen Art hoffen, die gerade eben (und immer noch spürbar) alle Herzen berührt hat.

Michael Kronig

Fotos: Ulrich Wehking

Nach oben

Für folgende Seite einloggen:

Vergessen?

Vergessen?
Einloggen