Zwischen Shoppingmall, Unterricht, Gedenkstätte und Zwergenausfstand

8. November 2017 Zwischen Shoppingmall, Unterricht, Gedenkstätte und Zwergenausfstand

– zu Besuch bei unserer Partnerschule, dem 5. Lyzeum Klaudyna Potocka, in Posen/Poznań (24.09. – 30.09.2017)

In nur fünf Stunden brachte uns die Bahn ans Ziel. Gespannt, etwas nervös und mit einer Menge Vorfreude im Gepäck stiegen wir aus dem Berlin-Warszawa-Express und wurden herzlich von unseren Austauschschülern, deren Familien und zwei Lehrern der Partnerschule, Herrn Wojtas und Herrn Hendzel, begrüßt. Den Abend verbrachten wir – 13 Schülerinnen und Schüler des 10. und 11. Jahrgangs begleitet von Frau Heinks und Herrn Wehking – dann jeweils mit der Gastfamilie – die erste Gelegenheit zum Kennenlernen.

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Am Montag machten wir Hannoveraner uns nach der freundlichen Begrüßung durch die Schulleiterin gut gelaunt und neugierig Richtung Innenstadt auf. Wir bestaunten den schönen Altmarkt und das Rathaus (inklusive Ziegenbockspektakel), sahen das geschichtsträchtige ehemalige Kaiserschloss und überquerten die Warthe, um zum Dom zu gelangen – das volle Programm. Aber der Stadtführer machte seine Sache sehr gut. Am Nachmittag kamen unsere polnischen Gastgeber dazu und wir machten es uns auf Liegestühlen in einem Park direkt im Zentrum Posens gemütlich (dieser Platz entwickelte sich später zu unserem Stammplatz). Die Nachmittage – sofern frei – verbrachten wir häufig damit, eines der zahlreichen Einkaufszentren zu erkunden oder die Supermärkte nach Spezialitäten zu durchstöbern. Dass auch die Einwohner Posens ihre Freizeit zunehmend in den (viel zu) vielen Shoppingmalls verbringen, statt ins Grüne oder wohin auch immer zu gehen, scheinen auch die Stadtoberen bemerkt zu haben. Es darf keine weitere gebaut werden. Immerhin gibt es ein architektonisches Juwel unter dem Shoppingeinheitsbrei, das Centrum Stary Browar, die erste Mall Posens (seit 2007). Teile einer alten Brauerei wurden in den Neubau integriert. Manche halten diese Mall für die schönste der Welt.

An drei Vormittagen besuchten wir ein paar Unterrichtsstunden, erlitten aber meist ein Waterloo beim Versuch, den Inhalten zu folgen.

Am Dienstagnachmittag brachte uns die Straßenbahn an den Stadtrand zur Gedenkstätte „Märtyrermuseum FORT VII“. In der alten Festungsanlage bauten die deutschen Mörder schon im Oktober 1939 ein Konzentrationslager und die erste Gaskammer des „Dritten Reiches“. Der Leiter der Gedenkstätte führte uns engagiert und in gutem Englisch durch diesen Ort des Todes und erinnerte am Ende an neue Orte der Vernichtung. Erinnern, sich vor den Opfern verneigen, heute Wachsamkeit üben – drei gute Gründe für den Besuch.
Am Donnerstag mussten wir sehr früh aufstehen. Um sieben Uhr startete der Bus nach Breslau/Wrocław. Diese Stadt – 1945 von den Nazis sinnlos zur „Festung“ erklärt und fast völlig zerstört – wurde von den Polen großartig wieder aufgebaut (Liebes Hannover, hättest du doch solche Stadtplaner und Restauratoren gehabt!). Nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung wurden hier von Stalin vertriebene Ostpolen angesiedelt. Während der Stadtführung stießen wir immer wieder auf linealgroße bronzene Zwerge. Sie erinnern an eine besondere Widerstandsform in den 80er Jahren gegen die kommunistische Regierung. Es gab z.B. Demonstrationen in Zwergenkostümen oder verzierten Zwergengraffiti manches Gebäude. Seit 2004 rufen diese entzückenden Kunstwerke die damalige Bewegung ins Gedächtnis, und ihre Zahl wächst stetig. Es sollen schon mehr als 300 über die Stadt verteilt sein.

Nachdem wir am Freitagmittag im „Sankt-Martins-Hörnchen-Museum“ die Geschichte und Zusammensetzung der Posener Spezialität kennengelernt und auch geschmeckt hatten, versuchten wir am letzten gemeinsamen Spätnachmittag beim Bowlen unser Glück und ließen den Tag dann in dem riesigen Shoppingcenter gemeinsam ausklingen.

Am nächsten Morgen mussten schon wieder die Koffer gepackt werden und es war Zeit, “do widzenia“ und „dziękuję bardzo“ zu sagen.

Statt eines Fazits soll eine Mutter zitiert werden: Meine Tochter „kam total begeistert wieder. Voller neuer Eindrücke und regelrecht im Überschwang“.

Dem ist im mittlerweile 35. Jahr unserer Schulpartnerschaft nichts hinzuzufügen.

Lisa Jacob / Ulrich Wehking

Fotos: Richard Gebhardt / Ulrich Wehking

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