„Mut ist in meinem Falle ein Verbrechen“

17. November 2013 „Mut ist in meinem Falle ein Verbrechen“

Die Theater-AG spielt Dürrenmatts „Physiker“. 

Auf der Flucht vor der Erbsünde der Erkenntnis gelangt Wissenschaftler Möbius ins Irrenhaus. Hier gibt er vor, der König Salomo erscheine ihm und fühlt sich fortan in der Anstalt sicher. Familiäre Bindungen werden gekappt, Ruhm und Geld ausgeschlagen, Möbius versteckt sich samt der von ihm entdeckten Weltformel in Zimmer 3 der Nervenklinik von Mathilde von Zahnt (sehr überzeugend: Shirin Eissa). Seine Zimmernachbarn sind „Newton“ und „Einstein“. Er kann oder will nicht mutig sein und muss sich daher verstecken, weil er überzeugt davon ist, dass seine Erkenntnisse die Menschheit vernichten würden. Aus der Entdeckung der Kernspaltung wurde bereits mehrfach eine Menschen vernichtende Waffe, als Dürrenmatt das Stück schrieb. Was ist Mut? Was ist verantwortungsbewusstes Handeln? Möbius tötet eine Krankenschwester, die ihn zu enttarnen droht. Am Ende wird seine Identität dennoch offengelegt, und dies gleich doppelt, zwei Agenten (Einstein und Newton) beobachteten ihn jahrelang, in Wirklichkeit gewinnt aber die Chefärztin, die einzig Verrückte auf der ganzen Besetzungsliste, alle Erkenntnis. Was passiert, wenn Wahnsinnige Zugang zu fundamentalen, wissenschaftlichen Erkenntnissen gelangen?

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Die Theater-AG berührt mit der Auswahl dieses Stückes aktuell relevante Fragen. Sie präsentierte der Schulöffentlichkeit damit zugleich eines der faszinierensten deutschsprachigen Stücke des 20. Jahrunderts. Das ist mutig. Die literarische Vorlage ist sehr wortgewaltig, sie bietet wenig Raum für Bühnenaction und Effekte, sodass vor allem der Text an sich wirken muss. Und das tut er. Und wie – dank einer herausragenden Darstellungsleistung Moritz von Lingens als Möbius und eines starken Ensemblespieles. Es ist ein Glücksfall, dass die AG über derart viele männliche, talentierte Teilnehmer verfügt, dass sie sogar zentrale Rollen doppelt besetzen kann, wo sonst das Fehlen von Jungen öfter durch „Andersbesetzung“ ausgeglichen werden muss. Hier sind die Figuren glaubwürdig, Regisseur Büthe hat es geschafft, jeden eine deutliche Figur finden und darstellen zu lassen. Dass einige wenige noch etwas an ihrer Artikulation auf der Bühne feilen können, ist geschenkt. Wichtig ist, dass das Ensemble das schwere Stück insgesamt so bravourös getragen hat. Der Spannungsbogen reißt niemals ab; er entlädt sich am Ende im unhörbaren Knall der Bombe, überdimensoniert zum schütteren Violoninenspiel Einsteins auf die drei von Felix Bröder gebauten Patientenzimmer bildgewaltig projiziert.

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Dürrenmatt hat sein Drama dennoch (?) als Komödie klassifiziert. Das an beiden Vorstellungsabenden aufgeschlossene Publikum, das am Ende mit Ovationen im Stehen für einen eindrucksvollen Theaterabend dankte, hatte ein sensibles Gespür für komische Momente. Alexander Nöthel stellte als Missionar zudem ein komödantisches Glanzlicht dar, die Söhne von Möbius unterhielten mit nicht gekonntem Blockflötenspiel. Möbius tut so, als sei er diesbezüglich desinteressiert, er muss der eigenen Familie den Verrückten machen, weil Mut in seinem Falle ein Verbrechen wäre, so behauptet er es wenigstens und schickt seine Familie zum Marianengraben und, nachdem sein Schicksal als ewig Gefangener besiegelt ist, ein nachdenkliches Publikum in die sternenklare Nacht.

Heinrich Baxmann

Bilder von der 2. Vorstellung:

aufgenommen von Hannes Tamme

 

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